Vom „Eingebundensein“ und „Loslassen“…

Aaaaalso, von Natur aus, bin ich ja eher ein sehr! (wirklich sehr) freiheitsliebender Mensch und mag es ganz gerne selbstbestimmt durch’s Leben zu gehen, Dinge nach meinem Befinden zu entscheiden und in meinem eigenen Tempo, durch den Tag zu ziehen.
Das änderte sich allerdings schlagartig, als unser erstes Töchterlein das Licht der Welt erblickte. Denn neben den vielen, vielen wunderschönen Momenten, die ich mit meiner Erstgeborenen erlebt habe, hatte ich allerdings latent unterschätzt, was es heißt seine eigenen BEDÜRFNISSE zurückzustellen (oder besser gesagt über Bord zu werfen :)) und sich (vorerst zumindest) dem Leben des Babys anzupassen. Bis heute, ist es eine meiner größten Herausforderung im „Mami-Sein“, mich dieser Gegebenheit zu stellen und sie anzunehmen. Also, ich sitze jetzt nicht zu Hause rum und klage vor mich hin, versinke in Selbstmitleid oder bereue irgendetwas. Auf keinen Fall. Ich liebe mein Leben, so wie es ist. Aber mir ist aufgefallen, dass einiges, was bis dahin für mich selbstverständlich war, plötzlich nicht mehr so einfach und selbstbestimmt abläuft, wie dies vorher der Fall war…

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Versuch einer Erklärung:
Das fängt schon bei ganz banalen Dingen an, wie zum Beispiel mal KURZ auf die Toilette zu gehen :), denn meistens passiert genau in dem Moment, in dem ich mal müsste, irgendetwas Dramatisches und zack –> kümmere ich mich erst mal um die Kleinen –> vergesse darüber hinaus völlig, dass ich auf die Toilette gehen wollte –> und bemerke erst Stunden später, dass ich doch eigentlich mal was für MICH tun wollte, äh also auf’s Klo gehen wollte.
Oder aber, die halbe Mannschaft geht mit auf dieses stille Örtchen, weil sie genau in diesem Augenblick, eine ganz anhängliche Phase durchleiden…

„Mal schnell in die Stadt gehen“ (oder zum Supermarkt) , auch das ist plötzlich etwas anderes. Denn da ist ja dieses zuckersüße Würmchen, das ich dann gleich mit anziehen darf und natürlich all die Überlegungen in meinem Kopf: habe ich den Schnuller eingepackt? Ein Getränk? Etwas zum Knabbern, falls die Stimmung kippt? Ist der Kinderwagen schon im Auto? Habe ich genügend Pampers eingesteckt? Und was, wenn sie ausgerechnet heute Durchfall bekommt? Also doch lieber Wechselklamotten mitnehmen…
Gut, ich gebe zu, schon beim zweiten Kind, war ich in dieser Hinsicht um Welten entspannter, doch der ORGANISATIONSAPPARAT in meinem Kopf springt automatisch an und das fühlt sich dann eben alles andere als spontan und unabhängig an.

Und so gibt es unzählige Beispiele, die mein „ach so selbstbestimmtes“ Leben, irgendwie verändert haben:
– sich auf die Couch legen und ein Buch lesen
– in RUHE das Haus putzen (was für ein Highlight :))
– Ausgehen mit meinem Mann (seltene Momente)
– im Keller die Wäsche aufhängen –> ohne dass einem dabei die Decke auf den Kopf fällt
– Samstagmorgens mit den Freundinnen frühstücken gehen
– überhaupt mal EINE Mahlzeit essen zu können –> ohne nach rechts und links zu gucken
– spontan ein Wochenende wegfahren
– ein Essen kochen ohne Interventionsstrategien
– von einem WECKER geweckt werden, der keine zwei Beine hat
– ausschlafen
– arbeiten gehen –> ohne schlechtes Gewissen, wenn es mal wieder länger dauert
– sich morgens länger als 1 Minute schminken
– im Supermarkt durch die Gänge stöbern (ohne dass die Hälfte der Einkäufe den Wagen wieder verlässt…)
– einen einstündigen Spaziergang ohne Wanderrucksack
– …
ach, ihr wisst schon, was ich meine ;).

Wie gesagt, VOR meinem ersten Töchterchen, waren mir viele dieser Punkte nicht so wirklich bewusst und ich habe mir oft vorgestellt, wie es wohl ist, wenn die Kleinen größer werden und somit auch selbständiger und dadurch vielleicht auch wieder ICH – zumindest ein klitzekleines bisschen…

Das ist die eine Seite…

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Doch seit einiger Zeit lerne ich diese andere Seite kennen –> die des „Loslassens“ und muss (zu meiner eigenen Überraschung!) feststellen, dass dieses Thema mindestens genauso herausfordernd für mich ist, wie die des „Eingebundenseins“.
Denn irgendwann kommt der Punkt, da können sich die Mäuse tatsächlich alleine anziehen, gehen selbständig auf die Toilette, holen sich ihre Getränke selbst aus dem Kühlschrank, können mit Messer und Gabel essen (mal mehr, mal weniger schön), beschäftigen sich über einen längeren Zeitraum selbständig in ihren Zimmern, gehen morgens aus dem Haus und kommen manchmal erst abends wieder, nachdem sie den Nachmittag noch bei einer Freundin, verbracht haben. Wow.

Also das, sage ich euch, DAS fühlt sich auch komisch an!
Plötzlich werde ich gar nicht mehr von morgens bis abends gebraucht. Meine Große kann schon so viel alleine, gestaltet ihren Alltag mehr oder minder selbst: schläft am Wochenende bis neun Uhr und länger; geht ans Telefon, wenn es klingelt; geht für mich kurz in den Supermarkt, um den vergessenen Salat zu besorgen; sitzt auf der Couch und liest ein Buch, nimmt ihre jüngere Schwester an die Hand und macht einen Spaziergang mit ihr; lacht und albert stundenlang mit ihren Freundinnen herum oder deckt einfach mal den Tisch für’s Mittagessen…
Und ICH??? Ich bin eher zu so einem Taxi- und Essensbeschaffungsdienstleister geworden… Und wenn ich ihr beim Verabschieden in die Schule, ein Küsschen geben möchte (insbesondere, wenn ihre Freundinnen dabei sind), dann kommen so Sätze wie: „ach Mami, du kannst jetzt einfach gehen, ok?“

Jetzt müsste ich mich doch also freuen, oder? Sollte glücklich sein, dass ich wieder durch- und ausschlafen kann, dass ich entspannt in den Tag starte oder dass sich beispielsweise mein Gesprächslevel, um VIELE Themen erweitert hat.

ABER…
Aber, dem ist nicht so! Im Gegenteil! Irgendwie habe ich das Gefühl den ÜBERGANG verpasst zu haben, der Mittelteil fehlt! Ich konnte meiner „kleinen Großen“ gar nicht richtig „tschüss“ sagen vom Kindsein. All diese Momente, in denen ihr Mini-Händchen in meiner Hand ruhte und wir gemeinsam durch die ersten Jahre gegangen sind. Die Jahre, in denen sie sich an mich geklammert hat, wenn ihr eine Situation neu war. Die Jahre, in denen sie nachts in mein Bett gekrabbelt kam, weil irgendein böser Traum sie geweckt hat. Die Jahre, in denen wir immer wieder das gleiche Buch gelesen haben und sie stets an derselben Stelle lachen musste. Die Jahre, in denen ich sie noch von einem Ort zum anderen gebracht habe und sie mir beim Abschied ins Ohr geflüstert hat, dass sie mich lieb hat.
All das, ist zwar irgendwie noch da, aber irgendwie auch nicht mehr. Das ist erst mal nicht schlimm, aber eben anders und somit doch komisch. Und ich hätte es mir NIE träumen lassen, dass dieses „Loslassen“ mich genauso beschäftigt, wie das „Eingebundensein“. Schon allein die ersten Schritte (und da kommen glaube ich noch viiiiele weitere) sind ein wesentlich aufwühlenderer Prozess, als ich dachte. Und mir selbst einzugestehen, dass ein gewisser Teil meiner „Mami-Arbeit“ an dieser Stelle schon erledigt ist, stellt eine weitaus größere Herausforderung dar, als mir lieb ist.
Ich meine, ich bin glücklich zu sehen, was für ein tolles, selbstbestimmtes Mädchen meine Älteste schon geworden ist, wie liebevoll sie mit ihren Schwestern umgeht und mit welcher Kreativität, sie ihre Wünsche durchsetzt. Manchmal stehe ich neben ihr und kann selbst nicht glauben, dass ich dieses Menschlein, mal in mir getragen habe ;).
Und das ist wahrscheinlich auch der Punkt! Das ging mir alles viel zu schnell!!! Irgendwie war da viel zu wenig Zeit, diese ganzen Momente des Wachsens, Streitens, Lachens, Weinens und Kuschelns zu genießen. Also soooo zu genießen, dass ich auch das Gefühl habe: „jetzt ist aber auch mal wieder gut“ :). Herrje…

Und wisst ihr was? Genau in diesen Momenten, bin ich unglaublich dankbar und glücklich, dass ich noch so viele weitere Mäusleins habe ;), verrückt oder? Also, nicht dass ihr jetzt denkt, dass diese drei jüngeren Ladies mich nur beglücken und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern… Nein, dem ist nicht so. Definitiv nicht! Und es gibt genügend Tage, an denen ich sie gerne – auf direktem Wege – zum Mond katapultieren würde. Oder noch weiter….

DOCH die Erkenntnis, dass diese Jahre des „Eingebundenseins“ irgendwie ein recht flottes Ende finden können, lassen mich hin und wieder inne halten, damit ich die Schönheit der Gegenwart intensiver genießen kann.

Auch wenn das bedeutet, dass ich schon wieder nicht auf der Toilette war 😉

 

 

 

4 Gedanken zu “Vom „Eingebundensein“ und „Loslassen“…

  1. Hallo,
    ich sitze hier gerade mit ein/zwei Tränen in den Augen. Ich kann Dich soooooo gut verstehen. Ich habe auch so eine kleine, große Maus, die gerade erst ein Wochenende bei ihrer Freundin verbracht hat und nur immer mal kurz hineinschaute, um uns zu sagen, dass sie jetzt zum Reiten/ins Kino/in den Hof/zum Übernachten geht. Mir war es sehr komisch, dass wir uns nahezu das ganze Wochenende nur so in Stippvisiten gesehen haben und ein wenig wurde mir bange, dass ich die Phase mit der ganz engen Verbindung zu wenig genossen habe. Wie schreibst Du doch so treffend, ich hatte keine Zeit zum „Tschüßsagen“ vom Kindsein. Ich darf sie zum Glück noch ausgiebig knuddeln und auf dem Weg zur Schule an die Hand nehmen. Aber mir wird etwas mulmig, wenn ich sehe, wie schnell die Zeit vergeht. Und da sind bei mir zum Glück auch noch zwei weitere Krümel…Trotzdem habe ich die Befürchtung, dass die Anforderungen des Alltags mir sehr oft den Blick für das Wesentliche versperren. Ich erledige jeden Tag gaaaanz viel Kleinkram und mir fällt manchmal gar nicht mehr auf, dass ich etwas nicht genug genossen habe. Das „Eingebundensein“ verfluche ich täglich und doch sehe ich es wie Du, dass es schneller vorbei sein kann als uns klar wird. Ich hoffe, diese Erkenntnis macht mich wieder entspannter….Lieben Gruß, Martamam

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  2. Total schön geschrieben..meine Große (5) fängt jetzt auch an immer selbständiger zu werden..komisches Gefühl, weil eigentlich ist sie ja doch noch meine „Kleine“..ich glaube über das Loslassen bestimmter Situationen kann man Bände schreiben..jeden Tag etwas neues😀..
    VG Tina

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