Und auf einmal bin ich Einzelkind…

Meine Lieben,

nun ist bald ein Jahr vergangen und nach wie vor vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit dem Gedanken aufwache, dass etwas Schreckliches passiert ist. Und für den Bruchteil einer Sekunde, denke ich es war ein Traum. Doch je mehr Zeit ins Land geht, desto klarer wird mir in dieser Millisekunde, dass es sich um meine Realität handelt.

Mein Bruder ist ins Zimmer nebenan gegangen.

Und ich bin auf einmal ein Einzelkind.

Nach achtunddreißig gemeinsamen Jahren, werde ich den Rest meines Lebens ohne ihn gehen müssen. Werde die gemeinsamen familiären Herausforderungen, die auf mich zukommen,  nicht mehr mit ihm teilen können. Werde ihn nicht mehr anrufen können, um seine Stimme zu hören, eine Stimme, die mir vertraut ist, seitdem ich zwei Jahre alt bin.

Wenn man einen Bruder oder eine Schwester verliert, dann fühlt es sich an, als ob man einen Teil seiner Kindheit und Jugend aus seinem Leben herausgeschnitten bekommt. Für mich zumindest. Denn es gab so viele gemeinsame Erlebnisse, Geheimnisse, Streitigkeiten und Glücksmomente  - die Kindheit eben – die ich nun plötzlich alleine in mir trage, obwohl wir sie doch gemeinsam durchlebt haben.

Kein Weihnachten mehr, an dem wir über alte Geschichten aus unseren jungen Jahren lachen.  Keine "Running-Gags", die nur unter Geschwistern funktionieren. Keine gegenseitigen Hänseleien mehr, die wir ein paar Stunden später durch eine Umarmung wieder wettgemacht haben.

Ein Mensch, dem ich blind vertrauen konnte, ist plötzlich einfach weg.

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Nach dem Tod meines Bruders musste ich erst mal vieles neu ordnen. Mich neu ordnen. Meine Stellung in "unserer Familie" neu ausrichten. Es gab viele Themen, die ich plötzlich alleine mit meiner Mami entscheiden und besprechen musste. Dies war ein ganz komisches Gefühl, insbesondere als meine Mami umgezogen ist. Denn das Thema Umzug war stets Oli's Baustelle. Es gab so ein paar Bereiche, die wir unter uns aufgeteilt hatten – ohne große Absprache. Einfach weil wir wußten, dass der andere gut ist, in dem was er tut. Weil wir uns aufeinander verlassen konnten. Wie das Geschwister untereinander eben machen. Und das Thema Umzug war so ein Fall. Ich war für die Wohnungssuche und das Organisatorische zuständig. Mein Bruder übernahm den Umzug –> Kumpels organisieren, Schränke ab- und aufbauen, Kartons schleppen, Bilder ab- und aufhängen, Lampen abschrauben… Das war genau sein Ding. So etwas hat er geliebt.

Doch nun lasten all diese Dinge allein auf meinen Schultern. Ich konnte nie richtig nachvollziehen, wenn mein Mann mir davon erzählte, wie schwierig es manchmal sein kann, wenn man als Einzelkind, Entscheidungen mit und für die Eltern treffen muss und man keinen Bruder oder eine Schwester hat, mit der man sich beraten kann. Jemanden, der weiß wie die Familie tickt, wo die Fettnäpfchen liegen, bei welchen Themen die Eltern an die Decke gehen und bei welchen sie voll und ganz hinter einem stehen. Jemanden, der die Familiengeschichte miterlebt und auch geprägt hat.

Und wißt ihr was mir schon längere Zeit durch den Kopf schwirrt? Wie unbegreiflich muss solch ein Verlust für kleine Kinder und Jugendliche sein? Ich meine, ich bin über vierzig, habe schon ein paar Jahre Lebenserfahrungen gesammelt und  habe dadurch ein Resilienzverhalten entwickelt, welches mir das Vertrauen schenkt, dass ich es irgendwann schaffen werde, mit diesem Schicksalsschlag zu leben. Auch wenn es noch so weh tut – intuitiv weiß ich, dass ich irgendwann einen neuen Platz für meinen Bruder in meinem Leben finden werde. Irgendwann.

Aber wie furchtbar muss sich dies für Kinder oder auch junge Menschen anfühlen? Die all diese Erfahrung noch nicht gemacht haben? Und die zudem noch die tiefe Trauer ihrer Eltern spüren und nicht wissen, wie sie ihnen helfen können…
Ich weiß es nicht, aber ich stelle es mir unglaublich schwierig vor, in diesem Alter solch einen Verlust auszuhalten. In den letzten Monaten habe ich oft an diese zarten Wesen gedacht und ihnen viel Kraft gewünscht, für diese schwierigen Momente im Leben.

Man sagt ja immer "die Zeit heilt alle Wunden", doch so ganz kann ich dem nicht zustimmen. Es ist zwar richtig, dass die Zeit mir helfen wird mit der Trauer "besser" umzugehen und meine Gefühlsschwankungen besser anzunehmen. Ja. Denn ich habe schon in recht jungen Jahren geliebte Menschen verloren. Und somit ist mir bewußt, dass die Sonne und das Glück nicht aufgehört haben in meinen Alltag zu scheinen – auch wenn ich dies in den ersten Wochen nach meinem Schock kaum wahrnehmen konnte.

Doch der Schmerz bleibt der gleiche.

An dieser Stelle wird es keinen "leichteren" Umgang geben. Denn hier zieht sich jedes Mal aufs Neue mein Magen zusammen und meine Augen füllen sich mit Tränen.

Und auch die Erinnerung an den Schock ist nach wie vor sehr präsent. Und auch an diesem Punkt kann die Zeit keine Wunder vollbringen – auch wenn ich nie aufgehört habe daran zu glauben. Doch die Endgültigkeit, die solch einer Schocknachricht inne wohnt, ist nicht zu verarbeiten. Insbesondere da in unserer heutigen Welt doch immer noch irgendetwas machbar, veränderbar, lösbar oder heilbar ist. Doch im Falle des Todes, gibt es all diese Möglichkeiten nicht mehr. Und diese Handlungsunfähigkeit, die mit der Endgültigkeit einhergeht, ist für mich bis heute am schwierigsten auszuhalten.

Meine Lieben, ich danke euch sehr, dass ich diese Gedanken mit euch teilen kann und darf. Schicksalsschläge gehören zum Leben genauso dazu, wie die vielen schönen und glücklichen Momente. Ich weiß. Und obwohl das Schicksal letztes Jahr ziemlich dolle bei mir zugeschlagen hat, mag ich mein Leben wirklich gerne. Mir ist durchaus bewußt, mit wie viel Sonnenschein und Herz mein Dasein gesegnet ist und welch ein Geschenk es ist, von liebevollen Menschen umgeben zu sein. Wundervolle Menschen, die meine Hand nicht losgelassen haben, als ich dachte, dass ich ins Bodenlose abtauche. Und bis heute habt ihr meine Hand fest in eurer gehalten 💞 - Vielen lieben DANK 🌺.

Fühlt euch gedrückt und umarmt 😘

 

 

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